GPT-5.5 schreibt Doktorarbeit — und niemand bemerkt es zuerst
Es gibt Wochen, in denen die KI-Welt nur im Hintergrund summt. Diese war keine davon. Ein Mathematiker lässt GPT-5.5 Pro innerhalb eines Nachmittags eine Doktoratsarbeit produzieren, OpenAI testet Werbung mitten im Gespräch, Nvidia feiert Rekorde trotz eines chinesischen Importverbots — und die EU einigt sich auf eine Vereinfachung der KI-Regeln, die bisher kaum jemand wirklich verstanden hatte. Kurz: Business as usual, aber schneller.
Wenn KI in 17 Minuten promoviert
Der britische Fields-Medaillengewinner Sir Timothy Gowers hat Anfang Mai ein Experiment durchgeführt, dessen Ergebnisse in der Mathematikwelt noch nachklingen. Er legte GPT-5.5 Pro offene Probleme aus der additiven Zahlentheorie vor — Fragen, für die menschliche Forscher Wochen brauchen würden. Das Modell brauchte 17 Minuten, lieferte eine korrekte Konstruktion mit optimaler oberer Schranke und formatierte die gesamte Argumentation auf Anfrage in zwei weiteren Minuten als druckferties LaTeX-Manuskript.
Ein MIT-Forscher, der ebenfalls involviert war, bezeichnete den Kernansatz des Modells als „vollkommen originell“. Gowers selbst schrieb, sein eigener mathematischer Beitrag sei bei null gelegen. GPT-5.5 Pro erreicht im FrontierMath-Benchmark für Postdoktorats-Probleme 39,6 Prozent — fast doppelt so viel wie die nächstbeste Alternative. Was das für die Wissenschaft bedeutet, ist noch offen. Was es für die Debatte über KI-Fähigkeiten bedeutet, dagegen weniger: Die Grenze zwischen Mustererkennung und konzeptioneller Innovation verschiebt sich gerade sichtbar.
ChatGPT macht Werbung — und meint es ernst
Seit Mitte Mai testet OpenAI Werbung direkt im ChatGPT-Interface. Betroffen sind eingeloggte Nutzer im Free- und Go-Tarif, zunächst in den USA, mit geplanter Ausweitung auf weitere Länder in den kommenden Wochen. Die Versprechen klingen vertraut: Antworten werden nicht beeinflusst, Werbung ist klar markiert, Werbetreibende bekommen keinen Zugriff auf Chatverläufe.
Das spannende Detail steckt im Kleingedruckten: Die Anzeigen werden an Gesprächskontext und frühere Interaktionen angepasst. Das ist kein klassisches Banner-Modell. Es ist Werbung in dem Moment, in dem jemand gerade eine Kaufentscheidung vorbereitet, Produkte vergleicht oder einen Plan entwickelt. Genau da entsteht der Interessenkonflikt, den OpenAI versichert, nicht zu haben. Ob das Versprechen unter kommerziellem Druck hält, wird sich zeigen — aber die Richtung ist eindeutig: ChatGPT will nicht mehr nur Assistent sein, sondern auch Kanal.
Nvidia feiert Rekord — trotz Peking
Am 22. Mai wurden die Quartalsprognosen für Nvidia bekannt: rund 78 Milliarden US-Dollar Umsatz erwartet für das laufende Quartal, ein Plus von 78 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das wäre beeindruckend genug — wäre da nicht gleichzeitig die Meldung, dass China gerade den Import der RTX 5090D V2 gestoppt hat, einer speziell für den chinesischen Markt entwickelten Grafikkarte.
China als Markt ist für Nvidia ohnehin von ehemals über 20 auf heute rund 5 Prozent Umsatzanteil geschrumpft — das Ergebnis mehrerer Exportrestriktionsrunden und chinesischer Eigeninitiativen. Doch der Verlust wird durch die Nachfrage aus westlichen Cloud-Anbietern und KI-Laboren mehr als kompensiert. H200-Chips sind derzeit das begehrteste Gut der Tech-Branche, und Nvidia hat praktisch kein Angebot, das nicht bereits reserviert wäre. Die Paradoxie ist kaum zu übersehen: Je mehr Peking reguliert, desto teurer wird Nvidias Hardware anderswo.
Die EU räumt auf — aber nicht überall
Anfang Mai einigten sich Europäisches Parlament und Rat auf den sogenannten Digital Omnibus: ein Paket, das den EU AI Act in Teilen vereinfacht und die Fristen verlängert. Hochrisiko-KI-Systeme müssen nun erst bis Dezember 2027 (Standalone-Systeme) beziehungsweise August 2028 (eingebettete Systeme) compliant sein — statt zu früheren, engeren Zeitpunkten.
Die Botschaft an Unternehmen: mehr Zeit, weniger Bürokratie für kleinere Anbieter, erweiterte Ausnahmen für KMU bis 200 Millionen Euro Jahresumsatz. Was sich dagegen beschleunigt: Die Verbote für KI-generierte Deepfake-Inhalte ohne Einwilligung und für CSAM-Systeme treten bereits ab Dezember 2026 in Kraft — ebenso wie die Pflicht zur Wasserzeichen-Kennzeichnung KI-generierter Inhalte. Die EU lockert also dort, wo es Unternehmen entlastet, und zieht dort an, wo es um Schaden geht. Das ist in sich konsequenter, als es auf den ersten Blick wirkt.
Was das für den Unternehmensalltag bedeutet
Die Verschiebung der EU-Fristen gibt Unternehmen Spielraum — aber keinen Grund, das Thema aufzuschieben. Wer KI-Systeme heute implementiert, ohne Auditierbarkeit und Dokumentation von Anfang an einzuplanen, baut Schulden auf, die sich später teuer auszahlen. Genau das ist der Kern dessen, was neothink in seinen Projekten adressiert: nicht erst im Nachhinein Compliance draufzustecken, sondern KI-Implementierungen von Grund auf so zu gestalten, dass sie dem regulatorischen Rahmen standhalten — und gleichzeitig tatsächlich funktionieren. Die neuen Fristen schaffen Luft zum Durchatmen, nicht zum Warten.


